«Den Herausforderungen der heutigen Zeit begegnen»

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Bern, 22.01.2014 – Davos, 22.01.2014  Die Schweiz ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Die Rede von Bundespräsident Didier Burkhalter anlässlich der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums (WEF) 2014

Meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde aus der ganzen Welt, die Sie heute hier in der Schweiz zusammengekommen sind!

Die Schweiz heisst Sie herzlich willkommen!

Und mit Ihnen heisst die Schweiz ihre vielfältigen Bemühungen überall in der Welt für Frieden und Fortschritt willkommen.

Bemühungen wie diejenigen in Montreux und in Genf für die Zukunft Syriens.

Bemühungen in Genf für die Zukunft der Beziehungen mit dem Iran.

Bemühungen hier in Davos, um die Welt von morgen gedanklich zu entwerfen und vorzubereiten und – wer weiss – vielleicht effektiv neu zu gestalten.

Die Schweiz ist dazu bereit. Wir sind bereit, unsere Rolle in diesen Bemühungen zu spielen, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und unsern Beitrag zu leisten.

Die Welt von heute steht vor zahlreichen Herausforderungen:

• Sicherheit, Stabilität und Frieden
• Umwelt, Klima, Zugang zu Wasser und Nahrung
• Verkehr, Energie, Lebensformen in der Stadt von morgen
• Gesundheit, namentlich die Gesundheit der immer älter werdenden Bevölkerung in vielen Ländern …

Ja, es stimmt, wir müssen Berge versetzen. Das wird uns nur mit einer gemeinsamen Anstrengung gelingen. Die Staaten der Welt müssen sich zusammenraufen, wenn dieser Effort zustandekommen soll, und die Regierungen müssen mit den internationalen Organisationen kooperieren, mit dem Privatsektor, mit der Zivilgesellschaft. Die Zukunft unserer Welt braucht eine starke Partnerschaft von Öffentlichkeit und Privatsektor.

Mit einer gemeinsamen Anstrengung kann die Hebelwirkung enorm sein. Eine solche ist auch nötig, wenn Zukunft entstehen soll,  wenn jeder Mann, jede Frau, jedes Kind ein Anrecht auf eine Perspektive haben soll, auf ein Leben in Würde, auf ein Leben unter der Sonne der Freiheit.

Ja, wir müssen uns vielen Herausforderungen stellen, wir haben viele Berge zu versetzen. Aber selbstverständlich nicht die Berge, die uns hier in Davos dieses prächtige Panorama bieten. Die Schweiz will diese Berge nicht versetzen, sie will sie durchbohren. Sie baut bis 2016 den längsten Eisenbahntunnel der Welt, unter dem Gotthardmassiv. Das ist ein konkreter Beitrag der Schweiz zur Problematik des Verkehrs zwischen Nord- und Südeuropa. Es ist ein Beitrag, mit dem die Umwelt geschont werden kann.

Wir hoffen, dass die Berge von Davos auch dieses Jahr den idealen Inspirationsrahmen abgeben und unseren Gedankenaustausch in den kommenden Tagen stimulieren. Hoffen wir, dass der Zauber dieser Berge wirkt.

Meine Damen und Herren

In seinem Roman «Der Zauberberg» lässt Thomas Mann seinen Helden erst nach sieben Jahren wieder von den Davoser Bergen hinuntersteigen. Unser Aufenthalt hier wird kürzer sein. Doch der Held von Thomas Mann steigt von den Bergen hinunter in die Raserei und Verzweiflung des Ersten Weltkriegs. Dabei erinnern wir uns daran, dass im eben begonnenen Jahr 2014 sich zum hundersten Mal der Ausbruch dieser Tragödie der Menschheit jährt, mit dem Horror ihrer Schützengräben, ihren unvorstellbaren Zerstörungen und der Erfindung der Chemiewaffen. 2014 ist es sodann 75 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, mit seinen Vernichtungslagern, seinen gigantischen Schlachten und mit dem Aufkommen der Nuklearwaffen.

Wir haben die Pflicht, uns zu erinnern an diese beiden Weltkriege, an diese beiden Katastrophen der Menschheit, die das Gesicht der Welt verändert und lauter Verlierer hinterlassen haben. Sie sollen uns daran mahnen, wie wichtig es ist, dass die Staaten und Völker zusammenarbeiten, im Rahmen von Mechanismen der kollektiven Sicherheit, damit da, wo Spannungen auftreten, Entspannung bewirkt werden kann. Damit für Konflikte – bestehende und drohende – diplomatische Lösungen gefunden werden können.

«Es erscheint immer unmöglich, bis man es gemacht hat», sagte Nelson Mandela. Und bei diesem Satz erinnern wir uns auch, dass vor 25 Jahren die Berliner Mauer gefallen ist und vor 20 Jahren die Apartheid – zwei weltgeschichtliche Ereignisse, mit denen für Millionen von Menschen die Sonne der Freiheit aufgegangen ist.

«Es erscheint immer unmöglich, bis man es gemacht hat.» Diesen Satz kann man auf viele Herausforderungen unserer Tage anwenden. Zum Beispiel auf die dramatische Situation in Syrien. Dieser schreckliche Konflikt hat zu viele Tote und zu viel Leid über eine zu lange Zeit gefordert. Er beraubt Millionen von Männern, Frauen und vor allem Kindern jeglicher Perspektive und macht Hunderttausende zu Flüchtlingen. Ein Konflikt, der sich ausbreiten und die ganze Region oder gar ein noch grösseres Gebiet destabilisieren könnte.

Nach Monaten der diplomatischen Bemühungen hat heute eine Friedenskonferenz begonnen, in der Schweiz. Ich habe heute Morgen daran teilgenommen. Die Staaten und Akteure suchen nun gemeinsam einen Ausweg aus diesem Konflikt. Dieser Ausweg kann nur ein politischer sein. Der Wille der internationalen Gemeinschaft kann etwas möglich machen, was  bis vor Kurzem unmöglich schien. Die Schweiz ist bereit, solche Konferenzen bei sich zu beherbergen. Sie schätzt sich glücklich und ist stolz, einen sicheren und produktiven Rahmen bieten zu können, in dem der Friede gesucht und der Wiederaufbau vorbereitet werden können. Die Schweiz ist auch bereit, wie bisher ihre guten Dienste anzubieten und ihre Rolle als Mediatorin wahrzunehmen. 

Die Schweiz ist auch stolz und schätzt sich glücklich, dass sie mit dem internationalen Genf einen nützlichen, sicheren und diskreten Rahmen bieten kann für die Diskussionen mit dem Iran. Auch hier geht es darum, Lösungen zu finden und Spannungen abzubauen. Mit anderen Worten: Zukunft zu schaffen. Nicht blauäugig und naiv, jedoch mit Entschlossenheit.

Die Schweiz ist bereit, zum Frieden in der Welt und in Europa konkret beizutragen. Sie will das internationale Genf weiter stärken, um den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft noch besser gerecht zu werden.

Sie hat dieses Jahr die Präsidentschaft der grössten regionalen Sicherheitsorganisation der Welt übernommen, den Vorsitz der OSZE – eine Ehre, eine Verantwortung, aber auch eine Chance. Die Chance, Brücken zu bauen. Ja, die Schweiz baut nicht nur Tunnels. Sie kennt sich auch aus im Brückenbau. Brücken in ihren Tälern. Brücken zwischen ihren verschiedenen Kulturen. Und Brücken auch zwischen Staaten, wenn man uns darum bittet. Wir wollen aus der OSZE eine veritable Sicherheitsgemeinschaft machen, zum Nutzen aller Menschen, von Vancouver bis Wladiwostok. (Die Situation auf dem Balkan, im Südkaukasus, die Bewältigung von Naturkatastrophen, der Kampf gegen den Terrorismus, die Stärkung der Mediation – das sind einige der Prioritäten dieser Präsidentschaft der Schweiz in der OSZE.)

Die Schweiz war 2012 der elftgrösste Geldgeber weltweit für Entwicklungshilfe. Um noch mehr beizutragen zum Frieden, zur Stabilität und zur Entwicklung in der Welt, hat die Schweiz beschlossen, ihren Beitrag noch einmal zu erhöhen; bis 2015 sollen die staatlichen Gelder für Entwicklungshilfe 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens der Schweiz betragen. Das entspricht einem Franken pro Einwohner und Tag über einen Zeitraum von vier Jahren. Damit möchte die Schweiz Verantwortung wahrnehmen und Solidarität beweisen.

Die Schweiz ist also bereit, zu mehr Sicherheit und Stabilität in der Welt beizutragen!

Ein anderer Schlüssel für eine Neugestaltung der Zukunft ist die Wissenschaft. Die Schweiz sieht sich in der glücklichen Lage, ein dynamischer Wissenschafts- und Forschungsstandort zu sein, und ein offener – eine von zwei forschenden Personen in der Schweiz kommt aus dem Ausland. Die Schweiz hat Universitäten, die zu den weltbesten gehören. Unser Land steht seit Jahren an der Spitze des «European Innovation Scoreboard» der Europäischen Union. Das ist von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Zukunft eines Landes, deren Hauptmotor die Innovationskraft ist.

Die Wissenschaft ist auch ein entscheidender Trumpf, wo es gilt, den grossen Herausforderungen zu begegnen, vor die uns die Umwelt, die Klimaveränderungen oder die öffentliche Gesundheit stellen. Das «Human Brain Project», angesiedelt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, steht im Scheinwerferlicht, seit es letztes Jahr von der Europäischen Kommission zu einem der beiden «Flaggschiffe» der europäischen Forschung bestimmt worden ist. Dieses Riesenprojekt, das zahlreiche Forscherinnen und Forscher und Universitäten in Europa und der ganzen Welt verbindet, hat zum Ziel, das menschliche Gehirn auf Rechnern detailliert digital nachzubilden. Es wird vielleicht dereinst erlauben, einen entscheidenden Schritt weiterzukommen im Verständnis und vielleicht auch in der Therapie degenerativer Krankheiten. Diese Krankheiten sind die «Krankheiten der Zukunft», wegen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung in vielen Gegenden der Welt. Fortschritte in diesen Bereichen sind daher von grosser Wichtigkeit für die Gesundheit der Bevölkerung und für die Lebensqualität.

Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich entwirft mit ihrem «Futur cities laboratory», angesiedelt in Singapur, Modelle für die Stadt der Zukunft. (Heute leben mehr Menschen in Städten als je zuvor in der Geschichte, und die Städte sind stärker vernetzt denn je. Ohne klare Konzepte einer Stadt der Zukunft werden die Umwelt-, die Verkehrs- und die Gesundheitsprobleme in den Städten, aber auch Probleme in den sozialen Beziehungen und in Sicherheitsbelangen eine Dimension annehmen, die nicht mehr zu bewältigen ist. Dabei waren und sind es ja vorwiegend die Städte, in denen das Neue entsteht und die Zukunft gebaut wird.)

Die Schweiz ist bereit, mit ihren Spitzenleistungen in Wissenschaft und Forschung beizutragen zur Bewältigung der grossen Herausforderungen unserer Zeit.

Lassen Sie mich schliesslich zu meinem letzten Thema kommen – einem Thema, das mir ganz besonders am Herzen liegt. Es ist die Beschäftigungslage der jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Sie ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft.

(Einem jungen Menschen, der eine Arbeitsstelle hat, eröffnen sich Perspektiven. Er gewinnt ökonomische Unabhängigkeit. Er nimmt Verantwortung wahr, gegenüber sich selber und gegenüber seinen Mitmenschen. Er bekommt seinen Platz in der Gesellschaft.)

Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft. Die menschlichen und die gesellschaftlichen Folgen sind dramatisch. Studien zeigen, dass bei einem jungen Menschen, der nach Abschluss seiner Ausbildung nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren eine Arbeitsstelle findet, die Chancen, den beruflichen Einstieg zu schaffen, sich um 80 Prozent verringern! Drei Jahre – das ist so wenig, wenn man sein ganzes Leben noch vor sich weiss. Wenn wir hier etwas bewirken, dann ist das mehr als «Zukunft gestalten», es ist Zukunft überhaupt erst ermöglichen. Denn was ist die Zukunft, wenn es nicht die Jugend ist?

Auch in diesem Bereich kann die Schweiz sich glücklich schätzen, über wichtige Trümpfe zu verfügen, und auch in diesem Bereich ist die Schweiz bereit, ihren Beitrag zu leisten. Unser Arbeitsmarkt integriert die jungen Leute. Dank einer dynamischen Wirtschaft, einem flexiblen Arbeitsmarkt, einem liberalen Staat und einer starken Sozialpartnerschaft. Aber auch dank einem Bildungssystem, das akademische und berufsbezogene Bildungswege als gleichwertige Wege fördert und sie durchlässig hält.

Die duale Berufsbildung hat in der Schweiz eine lange Tradition. Die praktische Ausbildung der jungen Menschen findet in erster Linie in den Betrieben statt, in einer Form von Immersion, ergänzt um einen theoretischen Teil in einer Berufsfachschule. Dieses duale Berufsbildungssystem wird zu 50 Prozent vom Staat und zu 50 Prozent von den Unternehmen finanziert. Die Ausbildung ist in unmittelbarem Kontakt mit der Berufswelt.

Auch hier werden Brücken gebaut: zwischen der Ausbildung und dem Arbeitsmarkt, zwischen dem Jugendlichenalter und dem Erwachsenenalter. Der junge Mensch, der in einem Unternehmen seinen Lohn bekommt, wird von den gestandenen Berufsleuten wirkungsvoll integriert; er arbeitet im Betrieb, er ist produktiv. Das trägt zur Produktivität des Unternehmens bei, und es stellt mittelfristig Fachkräfte bereit. Für den jungen Menschen ist das ein grosser Vorteil, erhält er doch eine Ausbildung, die nahtlos in eine Anstellung umgewandelt werden kann. Alles in allem eine Win-Win-Situation. Ein gutes Beispiel dafür, welche Hebelwirkung eine funktionierende öffentlich-private Partnerschaft entfalten kann.

Auch in diesem Bereich möchte die Schweiz ihren Beitrag leisten. Wir sind zurzeit daran, Partnerschaftsprojekte in verschiedenen Ländern aufzubauen, so etwa in Myanmar oder in Indien. Im September dieses Jahres wird die Schweiz zu einem internationalen Kongress über die duale Berufsbildung nach Winterthur einladen. Die Veranstaltung richtet sich an Akteure und Entscheidungsträger in der Berufsbildung in der ganzen Welt.

Die Schweiz ist bereit, mit ihrer Erfahrung in der Berufsbildung ihren Beitrag zu leisten für die Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt. 

Meine Damen und Herren

Die Schweiz ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Aber nur alle zusammen können wir es schaffen. Wir müssen zusammenarbeiten, hier in Davos, in Genf, in Montreux oder sonstwo, um Brücken zu bauen, um die Welt neu zu gestalten.
Danke, dass Sie nach Davos gekommen sind, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Seien Sie versichert, dass die Schweiz bereit ist, zusammen mit Ihnen allen ihren Beitrag zu leisten für eine bessere Welt!

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