Die Gäste schmelzen in den Schweizer Alpen wie die Gletscher dahin

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Ariane Ehrat, CEO von Engadin St. Moritz Tourismus: Wir stehen vor grossen Herausforderungen und einer "Zeitwende"

Ariane Ehrat, CEO von Engadin St. Moritz Tourismus: «Wir stehen vor grossen Herausforderungen und einer "Zeitwende" im helvetischen Alpenraum. Bild: GMC Photopress/Gerd Müller

Im Schweizer Tourismus wird es nach Prognosen des Staaatssekretariates für Wirtschaft Seco erst wieder 2014/15 zum Aufschwung kommen. Die Talsohle der Eurokrise dürfte 2013 erreicht sein.Das stellt die Destinationspromotoren und Hoteliers vor grosse Herausforderungen, wie Ariane Ehrat beim Gespräch mit Allmytraveltips berichtet.

Ein Minus von 3 Prozent im Sommer musste die Schweiz bei den Hotelübernachtungen hinnehmen. Im Winter werden nochmals knapp 1 Prozent weniger Gäste erwartet. Die westeuropäischen Gäste schmelzen in den Bergen dahin wie die Gletscher in den Alpen. «Insgesamt sei mit einem Rückgang um 3,4 Prozent zu rechnen», sagt Richard Kämpf,  verantwortlich für das Ressort Tourismus beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). «Wobei der Rückgang der westeuropäischen Gäste mit 5,5, Prozent acht Mal so gross ist», wie jener der Schweizer Kundschaft, fährt Kämpf fort.

Erholung zeichnet sich erst Ende 2014/2015 ab

Eine Erholung der Auslandnachfrage zeichne  sich erst 2014 und 2015 ab. Dann sollte die Eurokrise gebändigt sein, hoffen die Ökonomen des Seco. Der Aufschwung dürfte sich dann mit Zuwächsen zwischen 2,7 und 4, 3 Prozent mehr Gästen niederschlagen. Doch selbst 2015 werde man noch weit weg (-10%) vom Rekordjahr 2008 sein. Das Engadin und das Wallis sind vom Rückgang stärker betroffen, als das Berner Oberland, das vor allem vom asiatischen Tourismusaufschwung profitiert. Zu den aktuellen Zahlen: Im September sank die Zahl der Übernachtungen in den Hotels um 1,7 % auf 3,28 Mio. Gäste. Sowohl Schweizer (-2%) als auch Ausländer (1,5%) buchten weniger Übernachtungen. Obschon mehr ausländische Gäste in die Schweiz einreisten (+1,3%) blieben sie weniger lange. Dadurch sank die Zahl der europäischen Gäste insgesamt um 4,8 Prozent.

«Es braucht eine clevere Strategie um die neuen und alten Märkte vor Ort harmonisieren zu können.» Photo: GMC/Gerd Müller

Ariane Ehrat, CEO von Engadin St. Moritz Tourismus, spricht von einer Zeitenwende, die grössere Verschiebungen mit sich bringe. 7,5 % Rückgang bei den Hotelübernachtungen mussten die erfolgsverwöhnten Engadiner.2011 gegenüber 2010 hinnehmen. Sowohl bei den Norditalienern als auch bei den Deutschen, die im Oberengadin überproportional vertreten sind, kam es zu hohen Rückgängen aber auch bei den anderen EU-Staaten waren die Logiernächte deutlich drastisch im Minus.

Lokale Harmonisierung im Fokus der internationaleren Kundschaft

Zweistellige Wachstumsraten verzeichnete das Engadin hingegen aus Japan, China, Indien, Brasilien und Russland. Diese Märkte fingen die EU-Abgänge jedoch bei weitem nicht auf. «Also bleibt die Hauptaufgabe der Tourismuspromotoren in den Bergregionen, eine clevere Balance im Märkteportfolio zu erreichen. Das heisst, neue Märkte zu bearbeiten, ohne die Stammmärkte zu vernachlässigen», betont Ehrat weiter. Wenn mehr Inder kommen, dann müssen auch mehr indische Restaurants bzw. Speisen neben den lokalen Gerichten auf der Menukarte stehen. Brasilianer haben andere Bedürfnisse, als Russen oder Chinesen. Da gelte es, das Feintuning an und lokal umzusetzen.

Engadiner haben rasch auf die Flaute reagiert

Wir sind in den Startlöchern für die FIS Alpine WM 2017. Bild: GMC

Wir sind in den Startlöchern für die FIS Alpine WM 2017. Bild: GMC

Rund 100 Oberengadiner Hoteliers haben daher bereits auf die Flaute reagiert und nehmen die Herausforderung an. Sie bieten den Skipass für nur 25 Franken mit der zweiten Übernachtungen an. Damit sind sie auf dem richtigen Weg, aber noch längst nicht am Ziel. Denn der Trend zeigt an, dass die Skisportler immer mehr Leistungen für’s gleiche Geld inkludiert haben wollen. Die Konkurrenten im Vorarlberg und Tirol machens vor.

Auch andernorts sind die Hoteliers dazu übergegangen,  Skipässe erheblich vergünstigt abzugeben und „kostenlose“ Zusatzleistungen anzubieten, was vielerorts allerdings auf eine Mogelpackung hinausläuft. Im Oberengadin hingegen fällt die Preisdifferenz stark als Argument ins Gewicht, da eine Tageskarte 73 Franken kostet. Eine Familie mit drei Kinder spart so täglich gegen 200  Franken für Bergbahnen und Sklifte.

Starke Präsenz, klare Positionierung und stete Innovation lautet das Credo

Diese Massnahme allein wird aber bei weitem nicht  ausreichen, um die Verluste wettzumachen und wieder steigende Übernachtungszahlen zu generieren. Und die neuen Märkte kann man sich nicht einfach so rasch erschliessen. «Dazu braucht es eine langfristige Strategie und Präsenz sowie eine exakte Positionierung», sagt Ariane Ehrat von Engadin St. Moritz Tourismus, die zur Zeit mit ihrem Team von 68 MitarbeiterInnen 17 Märkte betreut und dafür über ein Budget von 15 Mio. Franken verfügt.

Wir müssen stets innovativ sein und neue Extraleistungen inkludieren

Wir müssen stets innovativ sein und neue Extraleistungen inkludieren

Es ist eine «grossere Herausforderung auf neue Märkte zuzugehen»: Dabei gehe es nicht nur darum, dass den indischen Gästen beispielsweise auch indische Küche vor Ort angeboten werde, wie auf der Diavolezza. «Sondern», fährt Ehrat fort, «dass auch die hier lebende Bevölkerung aufgeschlossen und gastfreundlich» sei. Das gelte für alle, nicht nur für diejenigen, die täglich direkt  mit den Touristen zu tun haben.

In den Startlöchern für die FIS Alpine-Skiweltmeistereschaft 2017

Für die Region Engadin stünden die Expo in Milano 2015, die FIS Alpinen Skiweltmeisterschaften 2017 und die Bearbeitung der 17 Märkte im Vordergrund, betont Ehrat. Gewiss verfolge man aber auch die Olympia-Debatte gespannt, die nun in die heisse Phase tritt. «Natürlich hoffen viele Engadiner und Bünder Tourismuspromotoren, dass die Schweiz die Sache anpackt und durchzieht». Das wäre fantastisch. Ein solcher Event hätte eine Sogwirkung über viele Jahre hinweg.

Die beiden Regionen Davos und St. Moritz wären danach weltweit wieder in aller Munde, ganz abgesehen von den direkten Auswirkungen beträchtlicher Investitionen in diesen Bergregionen. Wichtig findet Ariane Ehrat, dass diese auf ein qualitativ nachhaltiges Wachstum abzielen.

Weitere Berichte übers Engadin finden Sie hier. Und hier gehts zur Themen-/Destinationsübersicht

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Über Gerd M. Müller

Der Zürcher Foto-Journalist Gerd Michael Müller gründete vor 20 Jahren die Presse- und Bildagentur GMC Photopress. Müller arbeitet seit über 25 Jahren in der Tourismus-, Medien- und Kommunikationsbranche. Er hat über 1000 Publikationen und Reisereportagen in renommierten Medien veröffentlicht (u.a. «Welt am Sonntag», «FAZ», «FACTS», «Weltwoche», «SonntagsZeitung», «Globo», «Animan», «Reisen & Kultur-Journal», «FAZ», «Spiegel», «Süddeutsche Zeitung») und darüber hinaus auch für hochkarätige Spa- and Travel-Magazine wie «Relax & Style», «Tourbillon», «Excellence International», «World of Wellness» und «Wellness Live» gearbeitet. GMC Photopress besitzt ein umfangreiches Bildaurchiv mit rund 250'000 Bildern aus über 80 Ländern zu den Themen Lifestyle, Luxus, Beauty & Spa, Kultur, Touristische Highlights, Natur, Landschaft, Wildlife, Umwelt, Humanitäres und Soziales.
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