Mexico: Kreuzweg im Kreuzfeuer der Religionen

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Mexico: Osterprozessionen Indios Zacantepec

Mexico: Osterprozessionen der Mixteken-Indios im Hochland von Oaxaca bei Zacantepec. GMC

Im Hochland Mexico’s feiert eines der ältesten Völker, die Mixteken, jedes Jahr über Ostern seine eindrücklichen Kreuzwegprozessionen. Die Zeremonie stellet eine Symbiose des Christentums und der Götterwelt der Mixteken dar. In tiefster Religiosität verehren die Indios sowhl Jesum Christum als auch ihren charismatischen Helden Rey Condoy, der sie einst vor Vernichtung und Untersrückung bewahrte, indem er mit seinem Volk in die unwegsamen Berge des mexikanischen Hochlandes zog.

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Osterzeremonie: Die Kreuzwegprozession der Mixteken

Zu den ältesten Völker Mittelamerikas zählen die Zapoteken. Sie beherrschten in ihrer Blütezeit (200-900 n. Chr.) von den 12 km südlich von Oaxaca gelegenen Tempelstadt Monte Alban aus ganz Zentralamerika. Aus unbekannten Gründen verliessen sie ihre Hochburg, welche später von den Mixteken besetzt wurde. Die Schilderungen der Malerin Marcela Vera über die mystischen Osterprozessionen der Mixteken faszinieren uns derart, das wir kurzfristig einen Abstecher in das verlassene Bergdorf Zacantepec beschliessen. Unterwegs passieren wir Mitla, eine wegern ihrer reichhaltigen ornamentalen Architektur und Mosaikkunst sehenswerte Kulturstätte. In Zacantepec auf 3000 MeterHöhe gibt es kaum Steinbauten ausser dem Versammlungsgebäude der Gemeinde (Communidad) tagt, dem Mehrzweckbau mit Schule, Praxis und einer Unterkunft sowie der Kirche. Alle anderen, eng aneinander geschmiegten Häuser sind einfache Lehmbauten mit Ziegel-, Blech- oder Strohdächern. Sie säumen den Zocalo (Hauptplatz) des kleinen Bergdorfes, als wollten sie sich gegenseitig beschützen.

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Die Mixteken-Indios verehren „La Morena“, die VIrgen de Guadaloupe. Bild: GMC/Gerd Müller

Am Tag darau, Karfreitag, erschallt schon um fünf Uhr in der Früh, eine knisternde Stimme durch die Stiller der sich zu Ende neigenden Nacht. Über Lautsprecher informiert der Gemeindepräsident die Bevölkerung über die bevorstehnden Feierlichkeiten und ruft die Indios zusammen. Schwermütige Musik mit Blasinstrumenten, Trommeln und den Tönen einer Marimba (eine Art Xilophon) schallt durch die vor Dunkelheit und Nebelschwanden verhüllten Berge und gibt die intonale Einstimmung für die Oster-Zeremonie. Sie begleitet die vor Sonnenaufgang aufbrechenden Mixes von den abgelegenen Kaffee, Kakaoo, Mais- und Chiliplantagen.

Der Padre wirkt wie ein Geist unter der bunten Indioschar

Mexico: Chamulas indios food

Chamula-Indios bei der NAhrungszubereitung. Bild: GMC Photopress

Etwas unheimlich und fast geräuschlosch spuckt der Nebel kurz darauf immer mehr herbeiströmende Gestalten aus. Stimmengemurmel und Glockengeläute hauchen dem öden Platz Leben ein. Frauen und Männer nehmen Platz. Kinder und Hochbetagte knien vor den tönernen Weihrauchgefässen nieder. Süsslich duftende Rauchschwaden umhüllen den gespenstisch wirkenden Padre in seiner weissen Soutane. Flackernde Kerzen erleuchten all die ernsten, von Entbehrungen gezeichneten Antlitze. Für einmal schmilzt ihr Stolz dahin. Die, die harte Realität kaschierende, unkomplizierte, fröhliche und heissblütige Lebenseinstellung, weicht der Offenbarung der Nöte und Ängste ihres leidgeprüften Bergbauern- und Indiodaseins. Der trostspendende Leidensweg Jesu Christi verkörpert eine von der Inquisition übernommene Auffassung, die Benachteiligung und Unterdrückung als unumstössliche Tatsache zu akzeptieren.

Mexico: Mixteken-Indio-Osterprozessionen

Die Mixteken-zählen zu den ältesten Völker Lateinamerikas. Bild: G>MC/Gerd Müller

Daneben existiert aber auch die Legende Rey Condoys, sozusagen des Wilhelm Tell der Mixteken. Seine Sage bewirkt, dass die Mixteken die Kluft zwischen der hochherrschaftlichen Blütezeit ihres Reichs und ihrem heutigen Stellenwert in der mexikanischen Gesellschaft leichter zu überwinden. Einst rettete er die Mixteken vor dem Untergang oder der Unterdrückung der Conquistadores, in dem er sich mit seinem Volk in die unwegsamen Berge zurückzog. Er verkörperte die Klugheit und Kraft des gewaltlosen Widerstandes, er war auch wegweisend für die Sozialstrukturen der comunidad indigena. Der tiefverweurzelte Katholizismus ist teilweise auch damit erklärbar, dass seit Rey Condoy keine charismatische Führernatur aus dem Kreis der Mixes hervorging. Somit haben und hatten sie kaum eine Chance, epochale Veränderungen mitzugestalten. Auch Zapatas Revolution, der Ölboom und die Wirtschaftsreformen sind spurlos an den Mixteken-Indios vorbeigezogen.

Ein Teil dieser fremden Welt …

Mexico Indio women

Auch die Chamulas sind ein stolzes Volk. Sie leben vom Kakao- und Kaffeeanbau. Bild: GMC

Zur Feier der 14 Stationen des Kreuzweges erscheint rechtzeitig, wie von Gottes Hand bewirkt, die Sonne und erhellt zum ersten Mal seit unserer Ankunft die Bergwelt um uns herum. Die Indio-Frauen brechen mit der Jungfrau von Guadaloupe und einem Teil des Blasorchester in die Berge auf, während die Männer mit dem Jesus-Standbild auf den Schultern einen anderen Aufstieg wählen. Wir verfolgen den Klagelieder singenden Frauenzug. Ihre Gesichtszüge wiederspiegeln die unsäglichen Leiden Marias bei der Gefangennahme; Geisselung und Krönung Jesu Christi so anschaulich, dass wir nicht mehr in der Rolle der Zuschauer sind, sondern und in die Vergangenheit ebendieser Ereignisse zurückversetzt fühlen. Andächtig und überwältigt von diesem authentischen Schauspiel tiefster Glaubensbekenntnisse sind wir Teil dieser Welt geworden.

… im Mittelpunkt der entrückten Indios

Mexico: Osterprozessionen Indios Zacantepec

Kreuzwegprozession: Der Aufstieg mit den Frauen und der VIrgen de Guadaloupe Zacantepec

Auch die Mixteken scheinen dies zu spüren. Aus dem Kreis der betenden Frauen, die vor dem gekreuzigten Jesus und der flehenden Maria löst sich einer der würdevollen Bannerträger und bitte mich an seine Stelle in den innersten Kreis zu treten. Alle Augen auf uns gerichtet, komme ich zögernd der spontanen Aufforderung nach. Vereint bestreitet die kunterbunte Indioschar dann die restlichen Stationen bis zur Abnahme des geschnitzten Heiligenbildnisses auf dem Zocalo. Der Grablegung und Messe in der Kirche folgt die gotteslästernde Verbrennung Jesu Christi. Verehrt werden jetzt wieder die Götter der Ahnen. Ein natloser ritueller Übergang zum Kult der Mixteken. Nach aztekischer und mixtekischer Auffassung muss göttliche Autorität erworben werden. Die Überlieferung besagt, das Nanauatzin, der beim Sprung ins Feuer gleich beim ersten Mal wagte, so zur Sonne wurde, während es dem nachstürzenden Tecuciztecatl nur zum Mond gereichte. Durch den Opfertod wird die Autorität erworben und gefestigt. Ein Religionskonflikt entsteht dadurch nicht. Den Dschihad, das überlassen die Indios lieber den Göttern. Wie weise.

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Über Gerd M. Müller

Der Zürcher Foto-Journalist Gerd Michael Müller gründete vor 20 Jahren die Presse- und Bildagentur GMC Photopress. Müller arbeitet seit über 25 Jahren in der Tourismus-, Medien- und Kommunikationsbranche. Er hat über 1000 Publikationen und Reisereportagen in renommierten Medien veröffentlicht (u.a. «Welt am Sonntag», «FAZ», «FACTS», «Weltwoche», «SonntagsZeitung», «Globo», «Animan», «Reisen & Kultur-Journal», «FAZ», «Spiegel», «Süddeutsche Zeitung») und darüber hinaus auch für hochkarätige Spa- and Travel-Magazine wie «Relax & Style», «Tourbillon», «Excellence International», «World of Wellness» und «Wellness Live» gearbeitet. GMC Photopress besitzt ein umfangreiches Bildaurchiv mit rund 250'000 Bildern aus über 80 Ländern zu den Themen Lifestyle, Luxus, Beauty & Spa, Kultur, Touristische Highlights, Natur, Landschaft, Wildlife, Umwelt, Humanitäres und Soziales.
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