Überwachung: Die Gehirnwäsche funktioniert, der User resigniert. Oder doch nicht?

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Allmynews möchte aus Anlass des irrwitzigen und faschistoiden Überwachungsausmass der NSA und anderer Geheimdienste und den laschen Kontrollmechanismen der Regierungen mit Auszügen aus Berichten und Interviews renommierter Kritiker all jenen die Augen öffnen, die glauben, dass sie das ganze Überwachungstheater nichts angeht und kaum je persönlich betrifft. Denn es scheint, als sei immer noch viel zu wenig Menschen und Firmen bewusst, welche perfide Freiheitsberaubung im grossen Stil da auf der nebulösen Big Data Ebene vor sich geht.

 

„Der radikalste Angriff auf unsere Freiheit“

Constantin Seibt spricht im Tages-Anzeiger  von der Gefahr der „Auslöschung der Freiheit“, wenn die Überwachung totalitäre Züge statt punktuelle Ziele wie im Fall der NSA annimmt. Durch die totale Überwachung stünden alle zentralen demokratischen Werte wie Freiheit, nationale Souveränität und wirtschaftliche Prosperität auf dem Spiel. Das Ausmass der NSA-Aktivitäten sei «der radikalste Angriff auf die Demokratie».

Seibt begründet seine scharfen Worte in seiner Kolumne damit, dass die Freiheit durch Machtmissbrauch stets eingeschränkt werden kann (und wird). Das in kurzer Zeit veränderbar ist, was als harmlos und unbedenklich gilt. Und drittens: das nicht vorhersehbar sei, wer eines Tages an der Machthebeln sitze und welche Gesetze erlässt. Zum Schluss zitiert er den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der einst sagte: «Freedom is never more than just one generation away from extinction», was soviel heisst, wie die Freiheit ist nur einen Schritt von der Auslöschung entfernt.

«Macht und Missbrauch der Untertanen»

Clemens J. Setz, Autor der Bücher «Indigo» und «Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes» lieferte unter dem Titel «Macht und Missbrauch der Untertanen» im Tages-Anzeiger weitere  Denkanstösse, weshalb die Argumente derjenigen, die meinen, sie hätten nichts vor Ausspähung nichts zu befürchten, falsch liegen und naiv seien.

Setz spricht Eingangs davon, dass es alleine schon ein Trumpf der Späher und Spione sei, dass die Arglosigkeit und Sorglosigkeit bei den Usern weit verbreitet ist. Sie können sich mit ihrem „reinen Gewissen“ nicht vorstellen, dass dereinst etwas subversives über sie verbreitet wird oder gewisse Parameter sie in eine kriminelle oder krankhafte Ecke pressen. „Das ist wie ein erfolgreich im Hirn des Users eingepflanztes Vorzensur-Programm“, seufzt Setz. Das ist leicht untertrieben, denn bei näherer Betrachtung handelt es sich um eine komplette Gehirnwäsche.

Setz betont zudem, dass die vermeindliche Unwichtigkeit der eigenen Daten  keinerlei Schutz vor dem ständigen Generalverdacht bilden. Und er verweist klugerweise auch darauf, dass diese Menschen, nur weil sie im Glauben sind, unbehelligt aus der Datenmiss-brauchs-Misère herauskommen, leichtfertig in Kauf nehmen beziehungsweise stillschweigend tolerieren, dass andere Menschen, die dem System nicht völlig angepasst sind, unterdrückt werden. Die Entsolidarisirung ist auf allen Ebenen im vollem Gang.

Zwischen freiwilliger Offenheit, Preisgabe privater Sachverhalte und totaler staatlicher Überwachung müsse man unbedingt scharfe Trennlinien ziehen. Umso mehr, als immer mehr Maschinen und nicht Menschen die Strippen (Algorithmen) ziehen und keinerlei Möglichkeit besteht, Einsicht in die Profile und Social Graphs der Dienste zu erhalten – geschweige denn, diese korrigieren zu können.

Gefangen im Datennetz: «Eine Überwachung, die uns versklavt»

Kommen wir zu einem weiteren pointierten Verfechter der demokratischen Freiheit und freier Meinungsäusserung, zu Quentin Skinner, Historiker und Politologe aus dem englischen Oldham in Lancashire. Der 72 jährige Politikwissenschaftler, der zahlreiche Bücher veröffentlichte, gilt als einer der führenden britischen Experten für politische Geschichte. Was lehrt uns dieser Mann: Zu-nächst einmal, dass Schutzmassnahmen unabdingbar sind. Darüber bestehe Konsens. Doch die entscheidende Frage sei, wieviel Überwachung notwendig sei. Und da wir darauf keine schlüssige Antwort hätten, wird mit einem irrationalen Mehr an Überwachung reagiert – auf Kosten unserer Bürgerrechte und bürgerlichen Freiheiten. Zudem werden mit der totalen Überwachung die Europä-ische Menschenrechtskonvention und das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens erheblich tangiert und Stück um Stück ausgehölt. Dann holt der Politiloge aus:

«Dass wir frei sind, solange wir nicht unter Einmischung leiden, ist eine beschränkte Sicht», so Skinner, „den Freiheit definiert sich nicht über den Aktionsradius sondern den Status». Die Essenz der Freiheit bestehe darin, keiner Willkür unterworfen zu sein. Und auch nicht Abhängig von der Gnade eines anderen zu sein. «Wenn ich nun aber einer Macht unterworfen bin, kann ich nicht autonom handeln, selbst wenn diese Macht nie eingreift», fährt Skinner fort.  Sobald ich weiss, dass ein System, das schädlich in mein Leben eingreifen kann, Zugang zu meinen privaten Äusserungen und Ansichten hat, greifen wir automatisch zur Selbstzensur und verhalten uns sklavisch, dessen ist sich Skinner gewiss. Nicht das Internet sei das Problem, sondern die Staaten und Firmen, die uns ausspionieren und so unsere Freiheit aushöhlen. Hier müssen wir ansetzen. Politisch, rechtlich und vor allem als User Selbstverantwortung übernehmen.

«Die Diktatur der Daten» beinflusst unser Denken und Handeln

Die Akkumulation immer grösserer Datenmengen, auch Big Data genannt, wird die Welt verändern: Die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft, das soziale Zusammenleben. Vielleicht sogar unser Denken. Sagt Daniel Kossmann, Informatikprofessor an der ETH für automatisierte Verfahren. «Algorithmen wissen mehr über dich, als deine Freunde und Familie. Manchmal wissen sie auch mehr, als du über dich selbst».

Mit dieser Aussage provoziert und kokettiert der Professor ein wenig, denn als nächstes relativiert er diesen Satz im Gespräch wieder.  «Algorithmen sind dumm, sie stellen nur Korrelationen fest. Erst der Mensch interpretiert, was diese zu bedeuten haben», fährt Koss-mann munter fort. Doch aus Korrelationen lassen sich nicht unbedingt die richtigen Kausalitäten anbringen. Algorithmen werden im-mer irgendwelche Muster generieren, aber keine Erklärung liefern, was sie genau bedeuten. So kann man aus jedem Alogarithmus das Richtige oder das Falsche lesen. Und  der Mensch neige dazu, in seinem Denken gelegentlich  fehlerhaft zu sein, fügt der Profes-sor schnippisch hinzu.

Wenn Algorithmen zunehmend und im grossen Stil die Art unseres Denkens sind, dann müssen wir uns fragen, wie sie unser Denken beeinflussen, gibt Kossmann zum Schluss auch noch zu bedenken. So wie unsere Sprache unser Denken beeinflusst, so fliessen auch die Algorithmen zunehmend in unser Leben ein und verändern es. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. Die Verantwortung dafür, das Richtige zu tun, liegt in all unseren Händen.

Schwupps – und du bist als Terrorverdächtiger inhaftiert

Zu guter Letzt unseres Berichtes hier noch ein Buchtipp. Die deutsche Journalistin und Dokumentarfilmerin Marita Neher beschreibt in ihrem Buch «Albtraum Sicherheit. Interessen und Geschäfte hinter der Sicherheitspolitik» eindrückliche Beispiele, wie durch die Überwachung und Fehlinterpretation von Algorithmen unschuldige Menschen als terrorverdächtige Subjekte wochenlang in Unter-suchungshaft genommen wurden. Neher, die für das Buch ihre 2011 ausgestrahlte Sendung „Freiheit oder Sicherheit“ ausgebaut hat, ist überzeugt, dass in Westeuropa immer mehr Menschen Opfer von unrechtmässigen Festnahmen aufgrund von haltlosen Terror-verdächtigungen sind. Und dass damit auch die Willkür staatlicher Organe zunimmt. Neher’s Buch gibt es beim Fischer Verlag in Frankfurt a.M. und für ca. Fr. 26.- im hiesigen Buchhandel. (Alle Berichte wurden von Gerd Müller redigiert)

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Über Gerd M. Müller

Der Zürcher Foto-Journalist Gerd Michael Müller gründete vor 20 Jahren die Presse- und Bildagentur GMC Photopress. Müller arbeitet seit über 25 Jahren in der Tourismus-, Medien- und Kommunikationsbranche. Er hat über 1000 Publikationen und Reisereportagen in renommierten Medien veröffentlicht (u.a. «Welt am Sonntag», «FAZ», «FACTS», «Weltwoche», «SonntagsZeitung», «Globo», «Animan», «Reisen & Kultur-Journal», «FAZ», «Spiegel», «Süddeutsche Zeitung») und darüber hinaus auch für hochkarätige Spa- and Travel-Magazine wie «Relax & Style», «Tourbillon», «Excellence International», «World of Wellness» und «Wellness Live» gearbeitet. GMC Photopress besitzt ein umfangreiches Bildaurchiv mit rund 250'000 Bildern aus über 80 Ländern zu den Themen Lifestyle, Luxus, Beauty & Spa, Kultur, Touristische Highlights, Natur, Landschaft, Wildlife, Umwelt, Humanitäres und Soziales.
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